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Apothekerin zu werden war schon früh der Wunsch der gebürtigen Battenfelderin. In Allendorf und umliegenden Dörfern fehlte damals eine Apotheke. Wer Medizin brauchte, musste sie bei Tag und Nacht in der Apotheke in Battenberg holen. Der Weg war beschwerlich, ein Auto besaß damals kaum jemand.
Dass die noch kleine, aber aufstrebende Gemeinde eine Apotheke braucht, erkannte als Erster ihr Vater, der damalige Balzer-Geschäftsführer Carl Laute.
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Er bewies Weitsicht, „und da ihm auch das Wohl der Bevölkerung am Herzen lag, bemühte er sich intensiv um die Genehmigung zur Errichtung einer Apotheke in Allendorf", erinnert sich Irmgard Kanus-Credé.
Unterstützt wurde er vom damaligen Bürgermeister Heinrich Jakobi.
In Battenfeld geboren
Nach vielen behördlichen Widerständen wurde eine „Voll-Apotheke" 1952 genehmigt, und zwar in dem von Carl Laute für diesen Zweck erbauten Haus in der Bahnhofstraße 7-9, wo sich die Apotheke noch heute befindet.
Geboren wurde Irmgard Laute im Jahr 1923 in Battenfeld. Sie war das jüngste von vier Kindern. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte sie in die Sexta der höheren Privat- und Mittelschule in Frankenberg. Nach der mittleren Reife besuchte sie das Oberlyzeum der Theodor-Fliedner-Schule in Düsseldorf-Kaiserswerth, wo sie im Internat wohnte.
1942 bestand sie das Abitur und wurde sofort zum Reichsarbeitsdienst nach Schupbach im Westerwald und zum Kriegshilfsdienst in Darmstadt einberufen. Ihre Unterkunft war eine lange Holzbaracke, die mit Strohsäcken zum Schlafen ausgelegt war. „Ich verdiente mein erstes eigenes Geld", erinnert sie sich. „20 Pfennig für acht Stunden tägliche harte Arbeit."
Nach dieser Zeit begann sie ein zweijähriges Praktikum in der Battenberger Apotheke. Es gehörte zur Ausbildung des anschließenden Pharmazie-Studiums und endete mit dem Vorexamen in Kassel, das sich aber durch die Nachkriegswirren um ein Jahr verzögerte.
Danach wechselte sie in die Hirsch-Apotheke in Biedenkopf, wo sie auf den Beginn des Pharmazie-Studiums wartete. Doch auch das ließ auf sich warten: Studienplätze waren in der Nachkriegszeit rar, weil viele Universitäten zerstört waren und Kriegsteilnehmer bei der Vergabe von Studienplätzen bevorzugt wurden.
Zum Wintersemester 1950 konnte sie endlich das ersehnte Studium beginnen: Zwei Semester verbrachte sie mit acht Kommilitonen in Regensburg. Anschließend bekam sie einen Studienplatz in Tübingen, wo sie 1954 das Staatsexamen ablegte. Danach absolvierte sie das sogenannte „Kandidatenjahr" in Wangen im Allgäu und erhielt 1955 ihre Approbation. Damit hatte sich ihr lang gehegter Berufswunsch erfüllt. Als angestellte Apothekerin kehrte sie in die Hirsch-Apotheke zurück.
1963 zog Irmgard Kanus-Credé mit ihrem Mann, der einen Ruf in die USA erhalten hatte, in die Vereinigten Staaten. Von dort übernahm sie auf Bitten der Witwe ihres ehemaligen Chefs, der bald nach ihrem Weggang verstorben war, die Pacht der Hirsch-Apotheke. Die schwierige Situation bewerkstelligte sie mithilfe einer befreundeten Kollegin. „Ich überquerte damals zehnmal den Atlantik, um meinen Pflichten in Biedenkopf nachzukommen", erinnert sie sich. An die Zeit in den USA denkt sie gern zurück.
Als der Allendorfer Apotheker Helmut Schröder in den Ruhestand ging, entschloss sich das Ehepaar schweren Herzens zur Rückkehr: Am 6. Januar 1969 übernahm Irmgard Kanus-Credé die Edertal-Apotheke, wie es immer vorgesehen war. Bei der Übernahme waren dort zwei Mitarbeiterinnen beschäftigt. „Heute sind es sieben, denen ich herzlich danke für ihre jahrelange Treue." Besonders dankt sie Helma Landshut, die schon seit 35 Jahren mit ihr zusammen in der Edertal-Apotheke arbeitet. „Sie sagte schon oft, dass ihre zweite Heimat die Apotheke sei", erzählt Irmgard Kanus-Credé.
Heilpflanzen gesucht
Bis zum Jahr 1980 versah die Apothekerin den Notdienst selbst. Jede zweite Woche stand sie sieben Tage und Nächte bereit. Das änderte sich, als sie Approbierte und Doktoranden der Marburger Universität für die Nachtdienste einstellte.
Geändert hat sich im Lauf der Jahre viel. Früher wurden fast alle Hustensäfte selbst hergestellt, Zäpfchen gegossen, Pillen gedreht, Pulver gemischt und Salben gerührt. „Ich habe Heilpflanzen auf den Wiesen und an den Wegrändern gesucht", erzählt Irmgard Kanus-Credé. Sie wurden getrocknet, damit daraus Tees hergestellt wurden. „Diese Arbeiten übernehmen längst pharmazeutische Fabriken und Arzneikonzerne."
Die Anzahl der unterschiedlichen Medikamente habe sich um ein Vielfaches vermehrt. Die 40 Jahre in der Edertal-Apotheke, auf die Irmgard Kanus-Credé zurückblickt, waren auch Jahre vieler Reformen und Änderungen im Gesundheitswesen. Auch das Computer-Zeitalter hielt Einzug und veränderte viel. Die Edertal-Apotheke gilt heute als Institution, ebenso wie ihre Besitzerin. Im vergangenen Jahr verlieh ihr Bürgermeister Claus Junghenn anlässlich ihres 85. Geburtstags die Ehrenurkunde und Ehrenspange der Gemeinde. Frau Kanus-Credé habe „mit großer Fachkompetenz und sozialem Einfühlungsvermögen die Apotheke geführt", sagte er damals. Durch ihr erfolgreiches Wirken habe sie sich um die Allgemeinheit verdient gemacht. Vor vier Jahren baute Irmgard Kanus-Credé die Apotheke um und modernisierte die Inneneinrichtung. Den Charakter einer Apotheke erhielt sie durch viele alte Standgefäße und alte Medizinflaschen.
Die 85-Jährige ist noch täglich in „ihrer" Apotheke obwohl sie schon seit 20 Jahren ihren Ruhestand genießen könnte. Sie dürfte zu den ältesten noch im Beruf stehenden Apothekern in Deutschland gehören. Und so lange es ihr gut geht, will sie weiter jeden Morgen die Erste sein auch wenn sie sich hin und wieder mal freinimmt. Zum Beispiel, um den großen Rasen rund um ihr Wohnhaus zu mähen. Um ihren Garten kümmert sie sich nämlich auch bis heute selbst.
Ihr großes Hobby, das Reisen, ist hingegen seit drei Jahren in den Hintergrund getreten. Mit ihrem Ehemann war sie in der ganzen Welt unterwegs. Beide bereisten alle fünf Erdteile. Im eigenen Auto fuhren sie bis nach Afghanistan. Sie erinnert sich an viele besondere Erlebnisse, zum Beispiel an den nächtlichen Fußmarsch vom Katharinen-Kloster in Ägypten zur Spitze des Moseberges. Und 1950 bekam sie während einer Romreise eine Audienz bei Papst Pius XII.
Heute verbringt das Ehepaar seine Urlaube an der Ostsee und im nahen Ausland. „Meine gute Gesundheit und Schaffenskraft hat mir der Herrgott verliehen und ich vergesse nie, ihm dafür zu danken", sagt sie. Voller Dankbarkeit gedenkt sie aber auch ihrer Eltern, die ihr in schwierigen Zeiten das Studium ermöglichten. Carl Laute er?lebte nicht mehr, dass sein Wunsch sich erfüllte und seine Tochter Besitzerin der von ihm erbauten Apotheke in Allendorf wurde: Er starb bereits 1954, kurz vor dem Staatsexamen seiner Tochter.
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