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Den Sturm auf die Burg hat es wirklich gegeben, doch bei der weiteren Handlung hat der Autor Heinrich Röser seiner Fantasie freien Lauf gelassen.
Auch bei der Wiederaufführung ist die „Komödie" kreativ, hat die Handlung gestrafft und Charaktere geschärft. Wie die Laienspieler vor 62 Jahren nutzt sie die Terrassen des 1899 in Betrieb genommenen Hochbehälters für ihre Aufführungen. Um die 100 Mitwirkende bevölkern das aufwendig gebaute Bühnenbild. Und siehe da: Aus den Kulissen der Burg schlagen tatsächlich Flammen empor, dunkler Rauch zieht in den blauen Himmel, während „das Volk" jubelt und tanzt.
Doch gemach. Woher der Hass der Frankenberger auf Treffurt, der als Amtmann immerhin Stellvertreter des Landgrafen ist? „In der Stadt liegt alles danieder", klagt Stadtschreiber Emmerich alias Harald Rudolph. Die Neustadt ausgeplündert, Felder niedergetrampelt, Dörfer zerstört, die Menschen „an Leib und Seele geschädigt". Auch Heinrich von Nuhne alias Ansgar Dülmer befindet: „Der Teufel muss fallen!"
Der freut sich: „Sie alle fürchten mich", stellt Hermann von Treffurt alias Hans-Peter Höhl grimmig fest. „Diesem Krämervolk muss man die Faust zeigen." Als seine Tochter Mathilde alias Sabine Eckel für die Frankenberger eintritt, verbannt sie der Wüterich nach Wolkersdorf.
Dafür lässt er zu seinem Vergnügen die Ratsherren-Tochter Katharina von Münchhausen alias Rebekka Jilg auf die Burg verschleppen. Das Volk ist empört, der Ratsherren-Sohn Eckhart Asberg alias Eugen Boos will seine große Liebe sofort mit Waffengewalt befreien, doch Bürgermeister Zeise Weiner alias Harald Hörl bremst den Heißsporn: Der Landgraf habe zwar Treffurts Bestrafung gebilligt, „aber ohne Blutvergießen soll’s geschehen". So zieht sich der Rat bis zur Nacht zurück.
Die Goze alias Cornelia Buß erzählt den Frankenberger Kindern gerade Sagen, als ein weiterer Schreckensruf durch die Stadt eilt: Der Raubritter Friedrich von Padberg will Frankenberg überfallen. Wo er gerade steckt? Noch weiß es keiner.
Die kluge Käthe will sich nicht einfach vergewaltigen lassen mithilfe der Köchin Erna Zappen alias Gabriele Heinz verabreicht sie den Burgmannen einen „Schlaftrunk" und übergibt die Torschlüssel ihrem Vater Heinrich von Münchhausen alias Holger Kraus. Dem nächtlichen Sturm steht nichts mehr im Wege: Schnell ist das Volk versammelt, mit Rufen wie „Jetzt wird ausgeräuchert" und „Brennen soll es" stecken die Frankenberger die Burg an und nehmen Treffurt gefangen.
„Die Jungfer lügt!"
Der gibt sich im Prozess überheblich und beharrt darauf, im Sinne seines Landgrafen zu handeln. Einsicht? Fehlanzeige. Was nicht in sein Weltbild passt, wird passend gemacht. Er soll Frauen wie Katharina bedrängt haben? „Die Jungfer lügt!" Freiwillig sei sie mit auf seine Burg gekommen. Und wer vom „Pöbel" sollte sich unterstehen, ihm, dem unantastbaren Adeligen, zu widersprechen? Die Frankenberger. „Du bist kein Ritter mehr", befindet Ratsherr Johann von Kassel alias Erhard Wagner. Forderung des Volkes: „An den Galgen mit ihm!"
Doch der Bürgermeister setzt durch, dass sein Leben verschont wird: In Lumpen gehüllt soll er zur Burg seiner Vorväter laufen, deren Geschlecht er so viel Schande bereitet hat. Offen bleibt, ob das von Emmerich getreulich notierte Urteil der Schöffen zur Besserung führt...Und während die Trümmer noch rauchen und Erna fürs Fest noch ein paar Weinfässer aus dem Keller rettet, ist die nächste Gefahr da: Eckhart ruft: „Der Padberg kommt!" Prompt kommt der wie immer besoffene Nachtwächter Kaspar Hase alias Karl-Willi Hirth um die Ecke gewankt: „Was iss denn hier los?" In drei Gruppen treten die Frankenberger Padberg entgegen, während Hase in der Stadt die Stellung hält indem er sich schlafen legt. Bis ihn Katharina weckt. Das passt: Er muss eh neuen Wein holen wobei er am Aschertor tatsächlich Padberger entdeckt und Alarm schlägt.
Die Frankenberger siegen und nehmen auch Padberg alias Jürgen Becker gefangen. Wieder fordert das Volk kurzen Prozess: „Hängt ihn!"
Da ruft die wieder freigekommene Mathilde von Treffurt: „Habt Erbarmen!" Öffentlich und ohne Rücksicht auf Standesschranken bekennt sie vor den „Bürgern von Frankenberg" ihre Liebe zu Friedrich. Beeindruckt lassen sich Rat und Schöffen auf einen Handel ein: Padberg soll mit allen Nachbarn Frankenbergs einen Friedensvertrag aushandeln, und er schwört eine lebenslang geltende Urfehde, also den Verzicht auf jede Aggression gegen die Stadt. Das „Happy End" scheint nah. Doch Glück und Unglück liegen nah beieinander. Zwei Seiten einer Medaille.
Und die Zahl zwei scheint es der „Komödie" bei dieser Inszenierung angetan zu haben: mit Hans-Peter Höhl und Harald Hörl zwei Regisseure, mit dem Sturm auf die Burg und dem Überfall der Padberger zwei Haupthandlungsstränge, mit Hermann von Treffurt und Friedrich von Padberg zwei Bösewichte, mit Katharina von Münchhausen und Mathilde von Treffurt zwei starke Frauen, die auch die beiden Liebesgeschichten liefern, mit Nachtwächter Hase und Köchin Erna Zappen zwei Originale.
Gegensätze der Zeit
Außerdem gibt es eine Menge Dualismen durch gesellschaftliche Gegensätze der Zeit, etwa: Männerwelt gegen tradierte Frauenrolle, Standesschranken zwischen Bürgertum und Adel, Rachegelüste des einfachen Volkes gegen das Abwägen der „Stadtväter" und der Machtanspruch des Amtmannes gegen den Machtanspruch des Rates und der Schöffen der sich auch in Peter Kukes aufwendigem Bühnenbild widerspiegelt: links das Rathaus der Bürger von Frankenberg, rechts die Burg des Schurken Treffurt.
Und es gibt die „doppelten Zeiten", wie es Bürgermeister Christian Engelhardt in seiner Ansprache genannt hat: Das Stück greift ein historisches Ereignis auf den Sturm der Bürger auf die Burg 1376. Und entstanden ist es zu einem weiteren, heute historischen Ereignis zum Stadtjubiläum 1947. Es schwelgt noch voller Pathos und greift vor dem Hintergrund des gerade untergegangenen Hitler-Reiches das Thema des gerechtfertigten Widerstandes gegen Tyrannen auf. Die beiden Regisseure der „Komödie" haben das Vier-Stunden-Stück in ihrer Bearbeitung nicht nur auf zweieinhalb Stunden gekürzt, sie setzen auch neue Akzente: Sie stellen die Herrschaft des Rechts über die rohe Gewalt damit führen sie den doppelt historischen Stoff zugleich in die Gegenwart: Bei Unrecht einfach das Recht vergessen und plump draufschlagen, wie es zum Beispiel die US-Regierung Bush mit Saddam Hussein oder bei den islamistischen Terroristen versucht hat? Die „Moral von der Geschicht’" ist für die „Komödie" vielschichtiger: Kampf gegen das Übel? Ja. Aber nicht um jeden Preis. Gewalt? Wenn sie zur Verteidigung sein muss: Ja. Aber dabei den Verstand nicht ausschalten und stets Maß halten.
Und doch bleiben die Regisseure Realisten. Im beeindruckenden Finale bricht doch wieder rohe Gewalt durch: Heinrich von Münchhausen ersticht den friedensbereiten Padberg um Treffurts liebende Tochter leiden zu lassen für die Verbrechen ihres Vaters, der Münchhausens Rache entkommen ist.
Betreten tritt das Volk ab. Absolute Stille im Publikum.
Warum nur? Wie passen Gewalt und Gerechtigkeit zusammen? Und: Wie ticken die Menschen in seiner Stadt eigentlich? Das mag sich Zeise Weiner fragen, als er schweigend und betroffen allein auf der großen Bühne steht. So schreitet er grübelnd von dannen und verschwindet. Ins Rathaus der „Bürger von Frankenberg".(-sg-)
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