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Edertal - Rehbach. Heinrich Schmidt führt ein Leben auf Rollen: Trotz seiner 80 Jahre läuft er deutschlandweit auf Inline-Skates Marathon- und Halbmarathondistanzen.
Manchmal mag man seinen Augen nicht trauen. Zum Beispiel, wenn auf dem Fahrradweg der Edersee-Randstraße ein älterer Herr auf Inlineskates mit hoher Geschwindigkeit an Radfahrern vorbeischießt. Heinrich Schmidt fährt fast täglich seine 20 Trainingskilometer auf Rollen bei Wind und Wetter, zwischen der Sperrmauer und Nieder-Werbe.
Mag dass noch nicht sonderlich beeindrucken, so tut dies wahrscheinlich Schmidts Alter: Der „rasende Heinrich" ist im April 80 Jahre alt geworden. Die sieht und merkt man ihm allerdings kaum an. Bei vielen Wettbewerben wird er in der Klasse der 60-Jährigen gewertet weil es schlicht nicht genügend Starter für eine eigene Alterklasse M 80 oder auch nur M 70 gibt.
Zuletzt war Schmidt vor zwei Wochen beim Inline-Marathon in Duisburg am Start. „Hier bin ich mal wieder verjüngt gewertet worden", lacht er. Dennoch schaffte er in der Altersklasse der Männer 70 den dritten Platz mit einer Laufzeit von 2:29:28 Stunden.
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Schmidt stand schon früh auf Rollen. „Meine ersten Rollschuhe bekam ich mit sechs oder sieben Jahren", erzählt er. Er hat sie bis heute zur Erinnerung aufgehoben. Auch im Laufe seiner Jugend rollte Schmidt mehr, als dass er zu Fuß ging. Während der schweren Bombenangriffe auf seine Heimatstadt Kassel während des Zweiten Weltkrieges war er als Fahrradmelder eingesetzt.
Nach dem Krieg besaß er einen Malerbetrieb in Kassel. Sein Sport in diesen Jahren war das Eishockey, er stand lange für die Mannschaft des EC Kassel als Spieler auf dem Eis.
Aufs Eis zieht es den Ausdauersportler auch heute noch. Besonders im Winter, wenn er nicht auf der Randstraße trainieren kann, tauscht Schmidt Skates gegen Schlittschuhe ein und trainiert auf dem gefrorenen Edersee. „Die Technik ist bei beiden Disziplinen sehr ähnlich", sagte er. Schwierigkeiten gab es mitunter, wenn das Eis nicht fest genug war schon mehrmals landete er im eiskalten Wasser. Der Mann nimmt das gelassen: „Wer im Krieg 40 Bombenangriffe überlebt hat, den kann nichts mehr schocken."
Am Edersee hat Schmidt schon viele Winter erlebt: Ende der fünfziger Jahre baute er in Rehbach ein Haus, er arbeitete nach Aufgabe seines Betriebs bei den Mauser-Werken in Waldeck. Nach seiner Pensionierung 1993 stieg er von Kufen wieder auf Rollen um und hauchte seiner alten Leidenschaft neues Leben ein. Seitdem trainiert er auf Inline-Skates auf der Edersee-Randstraße.
1997 brachte ihn sein Sohn auf die Idee, bei einem Inline-Marathon mitzulaufen, seitdem tritt er in der ganzen Republik bei Läufen an. Mit den Jahren ist einiges an Kilometern zusammengekommen: Allein die Distanzen aus Trainingseinheiten und Wettbewerben zwischen 1993 und 2000 reichen für eine komplette Erdumrundung. Dies hat sich Schmidt auch vom Guinnnessbuch der Rekorde bestätigen lassen.
Wie viele Kilometer er inzwischen auf dem „Zähler" hat, will er aber nicht verraten. „Man würde mir entweder nicht glauben oder mich für völlig verrückt erklären." Durch seine langen Fahrten hat er sich aber für eines prädestiniert: In Zusammenarbeit mit der Industrie hat Heinrich Schmidt neuentwickelte Rollen auf langen Distanzen erprobt.
Sein regelmäßiges Konditions- und Techniktraining befähigt Schmidt zu erstaunlichen Leistungen. Im März absolvierte er den Berliner Halbmarathon in 56 Minuten: „Es ist ein großartiges Gefühl, dabei noch 600 Jüngere hinter sich zu lassen." Den Berlin-Marathon über die volle Distanz, der jährlich im September stattfindet, gewann er seit 1999 in seiner Altersklasse viermal. „Inzwischen laufen mir dort aber 70-Jährige den Rang ab", sagt er schmunzelnd.
In der Hauptstadt läuft der Langstreckenskater am liebsten, vor allem wegen der großen Zuschauerkulisse: „Das Publikum feuert alle Läufer an und treibt sie vorwärts. Als Älterer mit weißem Bart falle ich da natürlich noch einmal besonders auf", freut er sich. In Duisburg wurde er als ältester Teilnehmer sogar gesondert ausgerufen.
Trotz des Alters gibt Schmidt nie auf: Immer ist er bisher innerhalb der Mindestzeit geblieben. „Beim Hunsrück-Marathon bin ich als Letzter im Ziel trotzdem stolz gewesen." Mit seinen großen Höhenunterschieden gilt der Hunsrück-Marathon auch bei jungen Läufern als besondere Herausforderung.
Schmidt läuft zwar allein, doch Solist ist er nicht bei allen Rennen unterstützt ihn seine Frau Ingrid: „Sie meldet mich an und kümmert sich um mein Material. Ohne sie wäre das alles unmöglich."
Schmidts Credo: „Mit Sport im Alter tue ich etwas Gutes für mich und halte mich fit." Werbung zu machen für Altensport, hat er sich deshalb auf die Fahnen geschrieben. „Ich kann nicht verstehen, wieso manch einer über uns den Kopf schüttelt: Denn fitte Alte belasten die Krankenkassen weniger. Wir sind nicht steif und dick, sondern tun etwas für den Bewegungsapparat."
Auch für die Jugendarbeit tritt Schmidt seit Jahren ein: Lange Zeit war er Jugendtrainer bei den Eishockey-Mannschaften des VfL Bad Wildungen, noch heute betreut er die Hobbyspieler auf dem Eis. „Holt die Jugendlichen von der Straße und fordert sie", beschreibt Schmidt sein Leitmotiv. Dabei will er noch möglichst lange selber mitmischen.
Als nächsten Termin hat der Senior auf Rollen den Hamburg-Marathon ins Auge gefasst: Unter den Ältesten will er dann wieder ganz vorn dabei sein. Der „rasende Heinrich" ist noch lange nicht satt.
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